Markus Steiner: Reisen, um vom Leben zu erzählen

Markus Steiner

Vor einigen Wochen stöberte ich mal wieder in Reiseblogs. Damit begebe ich mich an fremde Orten und erleben andere Lebenswelten. Auf diese Weise stieß ich auf den Blogger Markus Steiner und seinen Beitrag Paris. Wieder reisen wollen. Er erinnerte mich an meine eigenen Aufenthalten in der französischen Hauptstadt vor vielen Jahren – und Erinnerungen wurden wach. Ich stöberte  weiter in seinen Artikeln – und schließlich schrieb ich Markus eine Mail. Ich freue mich, dass er bereit war, mir aus Afrika meine Fragen zu beantworten – und damit vielleicht auch Ihren Träumen Nahrung zu geben …

Jeder Traum beginnt mit einer Frage. Mit welcher Frage hat Ihr Traum begonnen?
Mit der Frage nach meiner Sehnsucht. Eine gibt es, die ist universell: Wir wollen entdecken, erforschen, erschaffen. Wir wollen lernen, wissen und wachsen. Doch da ist die Fessel, unter der wir schwer zu atmen haben: Die Arbeitswelt. Die folgt brav weiter dem Henry-Ford-Prinzip. In jedem Job wiederholt sich alles. Endlos. Wie die Songs im Radio. Wir dösen dahin. Wir verschütten unsere Lebenszeit, weil wir Dinge tun, die wir nicht wirklich tun wollen. Wir sehen nichts mehr von dem, was wir nicht zuvor erwarten. Wir werden tyrannisiert von der Ӧkonomisierung des Lebens, einer Illusion von Vielfalt, Wahlfreiheit und Sicherheit. Wir sollen immer schneller Haben wollen, mehr und mehr reinpacken, pausenlos Apps aktualisieren. Ihr idiotisches Märchen geht so: Je mehr Kaffeesorten im Coffee-Shop es gibt, umso mehr Freiheit besitzt Du, umso mehr Ego kannst Du raffen – und bist glücklich. Nach zehn Jahren in dieser Welt war es dringend Zeit für den Aufbruch in ein waches Leben. Kürzlich, auf meiner Reise nach Afrika, sah ich, wie jemand Kluges an eine Hauswand geschrieben hatte: „Geld ist alles, was sie besitzen.“ Ja, so läuft es: Wir kriechen in die Tiefen der Abhängigkeit. Und weil wir ewig dem schnellen guten Gefühl hinterher hasten, verwechseln wir dann alles mit einem freien Leben. Mit dem Weltreisen und Schreiben bin ich eingestiegen – in mein Leben. Alles beginnt mit weniger. Immer weniger wollen. Und der Wiedereroberung des Denkens.

Welchen Traum haben Sie verwirklicht?
Die Frage war: Was will ich wirklich? Darüber muss man nachdenken. Weil wir das Fragen verlernt haben, weil die gelernten Antworten aus dem Regal irgendwie quietschen, kratzen und kreischen. Ich habe 2011 meinen Bürojob gekündigt, reise seitdem und schreibe. Gleich nach meiner Kündigung bin ich 14 Monate am Stück durch 14 Länder gereist: bin zum Everest gelaufen, in Japan ohne Geld getrampt, habe in Thailand in einem Kloster meditiert, in einer Garküche gekocht, in Kambodscha Waisenkinder unterrichtet und den australischen Kontinent mit dem Zug durchquert. Immer traf ich unterwegs Menschen, die mich beeindruckt haben, weil sie sich auf das Leben und Überleben verstehen. Ihre Geschichten aufzuschreiben – das Schreiben, die Schönheit des Schaffens, das Wunder, wenn etwas Kontur auf dem Papier bekommt –, das ist mein Traum, macht Mut und läßt mich fliegen.

Wie lange hat es gedauert bis Sie Ihren Traum verwirklicht hatten?
Vier Wochen. Ich habe gekündigt, bin losgefahren und habe losgelegt Geschichten zu schreiben. Seitdem lebe ich mein Leben, jeden Tag, so wie ich will. Frage immer: Will ich das wirklich, wirklich machen? Kann ich dabei etwas lernen? Was, wenn ich es nicht mache? Ich mag, dass ich jederzeit aufbrechen kann, wohin ich will, mag jede Art des Reisens, die meine Sinne befeuert. Mich interessiert das Fremde, das Andere, das Lebendige, das, was man nicht auf einen Klick im Internet bekommt. Die Vielfalt macht unseren Planeten aufregend. Darüber zu schreiben berauscht.

Welchen Herausforderungen und Hindernissen sind Sie begegnet und wie sind Sie damit umgegangen?
In Burma traf ich einen Mann, der mir erzählte, dass sein Leben lächerliche 20 Dollar wert ist. Dies war der Betrag, den der Mann bei seiner Flucht vor dem Militärregime und dem Knast an einen Grenzbeamten zahlte. Die 20 Dollar waren sein gesamter Besitz und er tauschte sie gegen sein Leben. Manchmal vergessen wir, dass Männer, Frauen und Kinder jeden Tag um ihre Freiheit kämpfen müssen. Mich beeindruckt solch ein Widerstand, die Verteidigung von Leben. 4 Milliarden Weltbürger leben von weniger als 4 Dollar am Tag. 4 Milliarden amputierte Lebens-Chancen und Träume.

Wer und was hat Sie dabei unterstützt, Ihren Traum zu verwirklichen?
Das Reisen und Schreiben. Reisen ist Bewegung, ist Leben. Es macht sichtbar, was wir wirklich wollen, weil wir unserem Ego beim Reisen weniger Kapriolen durchgehen lassen. Beim Reisen erkennt man, dass in Wirklichkeit wir es sind, die sich nicht verändern. Die mit der immer gleichen Prise Stolz, Ignoranz, Trägheit und mit kaputten Hoffnungen durch den Tag stolpern. Wenn man reist – man weit weg ist und fremd wird – nimmt man wahr und versteht, dass sich alles um einen herum verändert, jederzeit. Durch das Reisen habe ich das Leben wieder gelernt, esse mittags nicht, nur weil der Kirchturm zur Mittgszeit bimmelt. Das Leben lernen und weiter in Bewegung bleiben. Das ist das Reisen und Schreiben. Beides verbindet noch etwas Feines: Es sind meine Hintertüren. Glühende Geschenke, durch die ich dem daily Schraubstock aus hübschem Irrsinn für eine Weile entwischen kann. Türen, hinter denen pure Freude am Tun glimmt.

Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse auf dem Weg?
Dass ich jeden Tag frei entscheiden kann, wie ich meine Lebenszeit füllen will. Und dass ich keine Angst haben muss, einfach zu tun, was ich wirklich will. Dass es mehr als nur einen Lebensentwurf gibt, der lebenswert ist – mehr als diesen einen, der abhängig macht, der nichts anderes will, als an die Pflichten fesseln, der den Geist betäubt. Was das Reisen angeht: Nichts erwarten. Langsam reisen, treiben lassen. Vertrauen haben. Leben.

Welchen Traum wollen Sie als nächsten realisieren?
Alles kommt, wie es kommt. Müssen es immer Pläne sein? Muss immer etwas realisiert werden? Seitdem ich keine Ziele mehr verfolge, nichts erreichen muss, lebe ich leichter, bin schwerelos. Ich möchte nicht jede Minute meines Lebens zerpflücken. Ich frage niemanden, was als nächstes von mir erwartet wird und sein soll. Ich suche das Leben nicht dort, wo man es zu suchen pflegt. Ich will die Freiheit der Einfachheit, die Freiheit zu denken, weitere Momente, die mir den Atem rauben. Ich möchte vom Leben der Menschen an fremden Orten kosten, hinter die Kulisse sehen und verstehen. Ich reise gerade durch den Senegal, wo sie sagen: “Ein Fisch wird nicht in dem Wasser gekocht, in dem er aufwächst.” Es gibt unendliche Möglichkeiten, die Lebenszeit zu füllen, sie nicht zu verschütten. Ich lade jede herzlich in mein Leben ein. Ich habe Hunger auf die aufregende Vielfalt des Lebens.

Herzlichen Dank, Markus, für diese Einblicke in Dein Denken und Handeln. Ich freue mich auf weitere faszinierende Geschichten von Dir, illustriert mit Deinen berührenden Schwarzweiß-Fotos.

Wie so oft, wenn ich neue Beiträge vorbereite, stieß ich parallel auch diesmal auf weitere Informationen, die dazu passen. Diesmal war es die Überschrift “Erzählen für eine bessere Welt” im Editorial des Lebensmagazins a tempo. Dort fand ich auch ein spannendes Interview mit Harald Welzer, dem Mitbegründer der Stiftung Futurzwei. Titel “Anfangen, selbst zu denken”

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 20 Jahren Solo-Unternehmen und lebenserfahrene Menschen, ihre Vorstellungen von einem erfüllten Berufsleben mit Leichtigkeit und Klarheit zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt ihre Leser*innen darin, mutig den eigenen Weg zu gehen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.