Warum ich SMARTe Ziele für Blödsinn halte

SMARTWer mich in Vorträgen erlebt, weiß bereits, dass ich davon nichts halte. Jetzt ist es mal an der Zeit, den vielen Blogbeiträgen und Büchern etwas entgegenzustellen, in denen regelmäßig SMART als das einzig wahre und richtige Vorgehen dargestellt wird, um Ziele zu formulieren und zu überprüfen. Für alle, die nicht wissen, was sich hinter dem Wort verbirgt: Die fünf Buchstaben stehen für die Punkte Spezifisch – Messbar – Attraktiv – Realistisch – Terminiert.

Diese „Formel“ wird immer wieder genutzt, ohne darüber nachzudenken, ob es im jeweiligen Kontext wirklich passt. Aufgrund von 20+ Jahren Erfahrung halte nichts davon, Ziele SMART zu formulieren. Zumindest nicht, wenn es um persönliche Ziele geht, wozu ich auch die von Einzelunternehmen zähle. Dabei habe ich dieses Vorgehen viele Jahre selber vertreten. Und zum Teil schmerzlich gelernt, dass es vor allem Frauen eher behindert als ihnen nützt. Hier meine Gründe:

Spezifisch

Aus meiner Sicht erfordert dieser Punkt, dass wir bereits zu Beginn festlegen, welches konkrete (= spezifische) Ergebnis herauskommen soll. Das wissen allerdings die wenigsten. Und so geben Sie Ihrem Kopf alle Macht der Welt und dieser bestimmt darüber, wohin die Reise geht. Er legt überzeugend fest (darin ist er sehr gut!), plant, macht und zieht – in die falsche Richtung. Soll ja schließlich spezifisch sein und das kann er doch am besten…

Falsch! Der Verstand handelt auf Basis der bisherigen Erfahrungen und verbindet die mit dem was er sonst noch so mitbekommt – von anderen, aus den Medien oder durch die Gespräche. So entsteht schnell ein: Au ja, das will ich auch! Ob dieses Ziel wirklich zu Ihnen und Ihrer Persönlichkeit passt, steht auf einem anderen Blatt.

Was für Sie wirklich wichtig und richtig ist, lässt sich zu Beginn meist noch nicht greifen oder vollständig erfassen. Dafür haben die meisten Menschen noch zu wenig Informationen und Erfahrung mit Ihren ganz persönlichen Bedürfnissen. Oder wurden Sie von klein auf darin ermutigt, Ihren Wünschen zu folgen?

Ich nicht.
Für mich war es ein langer Prozess, bis ich klar sagen konnte, was zu mir gehört und wo ich den Vorstellungen anderer für mein Leben gefolgt bin. Daher bin ich für unspezifische, im Sinne von noch nicht völlig ausformulierte Ziele, die eine Richtung vorgeben. Die Einzelheiten dazu entstehen auf dem Weg und im Gehen.

Messbar

Sind Gefühle messbar? Wohl eher nicht.
Und falls doch, welche Skala setze ich dafür ein?

Sobald das Herz mit ins Spiel kommt – und das sollte es bei persönlichen Zielen auf jeden Fall! – haben wir zwar einen emotionalen Maßstab, an dem wir uns orientieren können. Doch messbar sind die Ergebnisse damit noch lange nicht. Messbar heißt in meiner Welt: Zahlen – Daten – Fakten. Und schon bewegen wir uns in Kategorien von höher, schneller, weiter und drängen weiter auf Quantität.

Viel wichtiger ist allerdings die Qualität, die wir uns von unserem Ziel versprechen. Diese löst in Ihnen eine Kraft aus, lässt Umsetzungsenergie entstehen wie auch die Bereitschaft, immer wieder konkrete Schritte für Ihr Vorhaben zu unternehmen.

Attraktiv

Unbedingt! Das ist der einzige Punkt, dem ich zustimme.
Ein Ziel, das uns nicht anzieht, ist unsinnig. Wer keine Lust auf das Ergebnis hat, fängt gar nicht erst damit an. Daher fordere ich meine Kunden regelmäßig auf, ihre Entschiedenheit zu überprüfen. Nachzuspüren und zu prüfen: Wie viel Lust habe ich auf mein Ziel und das damit verbundene Ergebnis?

Realistisch

Oh, oh! Dieser Punkt tötet zahlreiche Ideen schon im Ansatz: Du musst einfach realistisch bleiben! Bleib auf dem Teppich statt Luftschlösser zu bauen! Streck Dich ja nicht zu weit aus dem Fenster (gemeint ist: in die Höhe)!

Das war’s dann mit der schönen Idee.
Dabei hätte durchaus etwas daraus werden können. Vielleicht sogar etwas Wunderbares, Einmaliges, sehr Persönliches. Hat nur leider den Realismus-Check nicht bestanden…

Terminiert

Über diesen Punkt ließe sich streiten. Wer ganz am Anfang steht mit Zielen und deren Formulierung, ist gut beraten, sich ein Datum zu setzen, bis zu dem etwas erreicht sein soll. Dies führt dazu, tatsächlich und frühzeitig etwas dafür zu tun. Vor allem, wer dazu neigt, alles vor sich herzuschieben, braucht manchmal diesen selbstgesetzten Druck, um in die Puschen zu kommen. Dafür gibt es den gerne verwendeten Spruch: Ziele sind Wünsche mit einem Enddatum.

Die Kehrseite davon ist, dass wir uns zum Teil extrem unter Druck setzen und ein Gefühl von Versagen erleben, wenn wir zum festgesetzten Zeitpunkt nicht am Ziel angekommen sind. Das gleicht dem Athleten, der es gerade nicht mehr aufs Treppchen geschafft hat. Aus, vorbei, gescheitert! Da helfen auch tröstende Worte nicht. Wir haben einfach versagt.

Aus meiner Erfahrung weiß ich: Jedes Vorhaben erfüllt sich zum genau passenden Zeitpunkt – und dieser ist unabhängig von einem Termin, den wir festlegen. Wie es auch der John Lennon zugeschriebene Satz zum Ausdruck bringt: Das Leben passiert, während wir andere Pläne machen. Daher empfehle ich meinen Teilnehmenden schon lange, keinen Termin festzulegen, sondern sich immer wieder mit Ihrem Vorhaben zu verbinden und sich davon anziehen zu lassen. Zum Beispiel mit einem Brief aus der Zukunft, der diese vorweg nimmt.

Vielleicht fragen Sie sich nun:

  • Woran erkenne ich, ob mein Ziel kraftvoll genug ist und es sich lohnt, mich auf den Weg dorthin zu machen?
  • Welche Kriterien nutze ich stattdessen?

Was meine Kriterien sind und welchen Maßstab ich dafür habe, lesen Sie hier: Besteht Ihr Vorhaben den ZIELE-Test?

Bereits freue ich mich, von Ihren Erfahrungen mit SMART zu hören und zu erfahren, welche Kriterien Sie für Ihre Ziele nutzen.

 

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 20 Jahren lebenserfahrene Menschen, ihre persönliche Vision von einem erfüllten Leben zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt darin, den eigenen Weg mit Leichtigkeit und Klarheit zu gehen.

14 Gedanken zu „Warum ich SMARTe Ziele für Blödsinn halte

  1. Barbara Steldinger

    Liebe Frau Bergmann,
    JA,JA,JA! Ich bin begeistert! Endlich mal jemand, der genauso wie ich diese Modell als völlig realitätsfern empfindet. Ich arbeite mit vorwiegend soloselbständigen Frauen. Mein Ansatz ist ein völlig anderer als der mit diesen Zielen. Bei meiner Arbeit spielt das Unbewusste und das, was da an Blockaden aber auch Ressourcen liegt, eine entscheidende Rolle.
    Das Bewusstsein übernimmt ja nur 2-4 % an der Steuerung unseres Lebens. Der Rest wird über andere Vorgänge des Unbewussten gesteuert. Das hat die Neurobiologie längst bewiesen. Also kann etwas, dass sich erst entwickeln soll nicht über den Kopf “erfunden” werden. Ich kann eine zündende Idee nicht als Ziel haben, das dann auch noch spezifisch und messbar sein soll. Was soll dabei rauskommen? Kopfgeburten aber nichts Geniales. Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass sie das Thema auch so sehen und thematisieren.
    Einen wunderbaren Sonntagabend
    Barbara Steldinger

  2. Ulrike Bergmann Artikelautor

    Liebe Frau Steldinger,
    herzlichen Dank für Ihre begeisterte Rückmeldung zu meinem Beitrag. Das freut mich umso mehr, als ich schon etwas mit mir gerungen hatte, ob ich so deutlich zum Ausdruck bringe, was ich von dieser Vorgehensweise halte. Die positiven Reaktionen bestärken mich, auch künftig an mehr Stellen “den Finger in die Wunde zu legen”.
    Mutig-leichte Schritte durch die Woche!
    Ulrike Bergmann

  3. Sandra Dirks

    Jawoll! Danke dafür.
    Seit Jahren taucht immer wieder das Thema in Seminaren für Auszubildende, oder beim Führungsnachwuchs auf. Jaha, denn das kann man super abprüfen!
    Zu dumm nur, dass ich selber immer einen Spicker brauche, um nur ja nicht den falschen Begriff zu nehmen. S wie sinnvoll? Nö spezifisch. Sagt das Lehrbuch. Und A war noch mal was? Attraktiv, aber klar. Nur warum muss das da mit hinein? Würde ich das vergessen?
    Es muss doch einen Haken haben, dass ich mir das seit 15 Jahren als Trainerin nicht merken kann.
    Ja genau, es macht für mich keinen Sinn! Danke für diesen Beitrag! 🙂
    Mal sehen, wie ich das den armen Azubimäusen in drei Wochen während der Prüfungsvorbereitung erkläre.
    Ich freue mich auf Ihre Kriterien.
    Liebe Grüße
    Sandra Dirks

  4. Ulrike Bergmann Artikelautor

    Liebe Sandra Dirks,
    danke für Ihre Zeilen und Ihre Erfahrung. Ich habe geschmunzelt als ich las “Es muss doch eine Haken haben…”. Jawoll!
    Sie spornen mich an, meine Beitrag so schnell wie möglich zu schreiben. Heute standen jedoch erst mal zwei andere Beiträge auf der Prioritätenliste.
    Liebe Grüße zurück!
    Ulrike Bergmann

  5. Zamyat M. Klein

    Liebe UIrike,
    wunderbarer Beitrag. Selbst wenn man nicht mit allem übereinstimmen sollte: er regt auf jeden Fall mal dazu an, diese Methode kritisch anzuschauen und zu prüfen, ob es wirklich immer so funktioniert.
    Und bei meinem Thema “Kreativitätstechniken”, aber auch in meinen Türkei-Seminaren zur Lebensplanung ist genau das Merkmal “R” = realistisch eine ganz doofe Bremse.
    Das müssen die Teilnehmer erst mal wieder richtig üben, sich zu trauen, drauf los zu träumen, scheinbar völlig unrealistisch sich ihre Wünsche auszumalen.
    Wir säßen noch mit dem Hintern auf der Erde am Feuer und würden Mammuts jagen, wenn es nicht immer Menschen gegeben hätte, die scheinbar unrealistisches ausprobierten und anstrebten.
    Erst wenn ich es wage, groß zu denken und zu träumen, komme ich ein Stück weiter. Auf jeden Fall weiter, als wenn ich mich durch das scheinbar “realistische” von vorneherein begrenze. Und ich kann schauen, was hinter diesen Wünschen und Visionen steckt.
    Ach, da könnte man noch seitenlang schreiben, aber ich denke, wir verstehen uns :-).
    Bin gespannt auf deine Fortsetzung.

  6. Brita Dose

    Liebe Frau Bergmann, Sie schreiben mir aus der Seele! Seite Jahren quäle ich mich damit, meine Ziele in eine SMARTe Form zu bringen und scheitere immer an den von Ihnen angesprochenen Punkten.
    OK, ich bin halt eine Frau 🙂 (und freue mich zu wissen, dass andere Frauen das ähnlich erleben.)
    Danke für den Beitrag.
    Liebe Grüße
    Brita Dose

  7. Barbara Landers-Schultz

    Liebe Frau Bergmann,
    Ihr Artikel hat mir sehr viel Freude gemacht.
    Zielearbeit ist immer wieder eine ganz besondere und sehr individuelle Arbeit und sollte auch nicht gleich im Ansatz durch eine Formel seine Begrenzung erfahren. Hier ist ja auch ein Innovationsbewußtsein und Resourcenorientierung gefragt. Und auch Wunschdenken ist zulässig, also möglichst viel und breit und ungewöhnlich und “out of the box”..
    In der Umsetzung der eigenen Ziele spielt die eigene Resilienz, wie geh ich mit Widrigkeiten um, mit Konflikten, mit wirtschaftlichen Notwendigkeiten und persönlichen wirtschaftlichen Erwartungen eine nicht unerhebliche Rolle und hier – in der Umsetzung – ist dann der eigene! Realitätscheck durchaus sinnvoll. Realitätscheck heißt ja auch nicht immer “es geht nicht…”, sondern kann auch ganz ungeahnte, vorher nicht gesehene Ressourcen mobilisieren… Das ist dann eher ein “Sie dürfen auch realistisch sein.”
    Mit herzlichen Grüßen Barbara Landers-Schultz

  8. Charlotte Bott

    Liebe Frau Bergmann, auch von mir ein kräftiges Jawoll!
    Es tut gut und macht Mut :), Dinge so anzugehen, wie frau sie für richtig empfindet. Wann haben wir gelernt zu träumen, und haben wir es trotzdem gewagt – welch grandioses Ergebnis ist dabei ans Licht gekommen. Nein – es war kein Zufall!
    Danke für Ihre inspirierenden Worte, seis im Blog, seis im Buch
    Lieben Gruß
    Charlotte Bott

  9. Thorsten

    Probieren Sie das Thema Ziel doch mal mit ZRM und MOTTO-Zielen. Danach kann SMART wieder Sinn machen. Info auf meiner HP. Ich hatte es übrigens mal erweitert in SMARTIES, was genau ich damit meinte, müsste ich selber noch mal nachschlagen, die Schokolinsen kamen aber immer gut an 😉

  10. Pingback: Über den Tellerrand IX/15 – HR-Links der Woche: Edutrends, HR-Themen 2015 und SMARTe Ziele sind Blödsinn | edutrainment company GmbH

  11. Ulrike Bergmann Artikelautor

    Hallo Thorsten,
    SMARTIES ist eine lustige Variante zum Thema 😉
    Vielen Dank auch für Ihre Anregung, mit ZRM und MOTTO-Zielen zu arbeiten. Das sind gut Ansätze, die ich auch hiflreich finde. In 20+ Jahren Beschäftigung mit Zielen habe ich einige Erfahrungen gesammelt und dazu meine eigene Vorgehensweise entwickelt. In den nächsten Tagen schreibe ich dazu noch einen Beitrag.

  12. Ulrike Bergmann Artikelautor

    Vielen Dank an die Kolleginnen und Kollegen für Ihre Rückmeldungen.
    Ich freue mich zu sehen, dass meine Erfahrungen von anderen geteilt werden. Und ich sehe auch, dass es zu einem Teil auch ein Mann-Frau-Thema ist.
    In jedem Fall lohnt die Beschäftigung damit – ganz nach meinem Motto: Mut zum eigenen Weg 🙂

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