Mutmacherin Lioba Heinzler im Interview

Bereits im letzten Sommer führte ich ein Gespräch mit Lioba Heinzler, einer Beratungskollegin und Mutmacherin. Nachdem ich regelmäßig an der Technik gescheitert bin (es sollte “schön” werden!), veröffentliche ich es jetzt in der unbearbeiteten Audiofassung und in schriftlicher Form.

Unser Gespräch dreht sich um bunte Lebenswege, Erkenntnisse aus vielen Jahren Selbständigkeit und die Bedeutung von Weggefährten. Mit einem Klick der rechten Maustaste lässt sich die Audio-Datei über “Ziel speichern unter” hier herunterladen: Gespräch mit Lioba Heinzler. Hier unser Gespräch zum Lesen:

Meine Gesprächspartnern ist Lioba Heinzler, Mit-Geschäftsführerin des Beratungsunternehmens „moewe Beratung in der Arbeitswelt“ in Wuppertal. Wie man wahrscheinlich gleich an der Sprache erkennen wird, stammt Frau Heinzler nicht aus dem Ruhrgebiet. Sowohl regional wie auch beruflich war es ein spannender Weg dorthin, wo sie heute steht. Über diesen Weg wollen wir miteinander sprechen. Herzlich willkommen, Frau Heinzler.

Schön, dass wir miteinander sprechen können, Frau Bergmann.

Ich freue mich, dass Sie sich die Zeit für unser Gespräch genommen haben. Starten wir mit der ersten Frage: Frau Heinzler, Sie sind zunächst den klassischen Weg einer in den 60-er Jahren geborenen Frau gegangen. Das heißt, Sie haben statt dem Abitur eine Ausbildung gemacht, was zur damaligen Zeit vielen Frauen passiert ist. In Ihrem Fall war es eine Lehre als Damenschneiderin am Staatstheater Karlsruhe. Wie ich Ihrem Lebenslauf entnommen habe, haben Sie sich schon bald nach der Ausbildung auf den Weg gemacht, in eine andere Richtung zu gehen. Das hat auch dazu geführt, dass Sie vor einigen Jahren mal als „Mutmacherin“ bezeichnet wurden.

Insofern findet heute ein Gespräch von „Mutmacherin“ zu „Mutmacherin“ statt. Erzählen Sie doch mal, was der Auslöser für Ihren eigenen Weg war und wie Sie darauf gekommen sind, aus der vorgezeichneten Bahn – Damenschneiderin am Staatstheater Karlsruhe – auszusteigen.

Ja, ich wusste schon zu Schulzeiten – und ich war immer eine recht gute Schülerin –, dass ich nicht viel Lust auf Büro hatte. Eigentlich wollte ich ganz gerne Abitur machen und Medizin studieren. Warum, weiß ich nicht… Es gab nicht so viele Vorbilder, wo ich herkomme, aus dem Dorf in Süddeutschland. Ärztinnen kannte man natürlich schon. Aber es gab damals einen Lehrer, der meinte: „Vielleicht wäre etwas Praktisches für dich besser.“ Dann habe ich für mich beschlossen: Ich schreibe eine Bewerbung und wenn die was wird, mache ich die Lehre. Und wenn das nichts wird, dann mache ich mein Abitur. Es hat also gleich geklappt und die Zeit im Staatstheater war einfach klasse. Das war vielfältig und bunt, aber es war nicht das für ein Leben lang. Ich wollte weiter lernen und habe einen ganz anderen Weg eingeschlagen.

Ich habe Theologie, Pädagogik und Psychologie studiert und den Abschluss als Religionspädagogin gemacht. Den Beruf selber konnte ich mir nicht so gut vorstellen, habe dann aber 15 Jahre lang mit Freude an zwei ganz unterschiedlichen Stellen gearbeitet: einmal in der Gegend am Bodensee und später in der Nähe von Wuppertal, in Velbert. Der Beruf hat einfach sehr viele Entwicklungsmöglichkeiten in der Seelsorge geboten. Das Begleiten von Menschen, neue Themen und Projekte zu entwickeln, das hat mir viel Freude gemacht und hat auch dazu geführt, dass ich die Supervisionsausbildung gemacht habe, also die hochwertigste Coachausbildung im deutschsprachigen Raum. Die ist drei Jahre berufsbegleitend.

Ich wollte immer nicht nur von einer Sache abhängig sein und „Katholische Kirche und Frau“ hat so ihre eigenen Bedingungen. Daher habe ich im Jahre 2000 beschlossen, dass jetzt was neues Berufliches dran ist. Ich war zu dem Zeitpunkt geschieden, das ist ja nicht so ganz einfach in der katholischen Kirche, und habe ich mich als Supervisorin selbstständig gemacht.

Supervisorin, das ist ja auch das, was Sie heute im Wesentlichen in Ihrer Tätigkeit machen. Vielleicht erzählen Sie kurz, was Sie heute machen, wohin Sie diese Supervisionsausbildung letztendlich geführt hat. Wir haben vorhin schon angesprochen, dass Sie Geschäftsführerin eines Beratungsunternehmens sind und das kommt ja nicht von jetzt auf gleich…

Ich habe mich erst alleine als Einzelunternehmerin im Jahr 2000 selbstständig gemacht, 2007 mit Geschäftspartnerinnen. Inzwischen sind wir zu zweit im Unternehmen, wir sind eine Partnerschaftsgesellschaft. Wir beraten Unternehmen in der Arbeitswelt, vor allem in der Gesundheitsbranche (also Krankenhaus, Altenheime – alles Träger der sozialen Arbeit, wo die Supervision auch herkommt), aber auch Wirtschaftsunternehmen. Immer da, wo es darum geht, dass sich Führungskräfte in ihrer Rolle gut zurechtfinden, dass Teams gut zusammen arbeiten und sich Unternehmen weiter entwickeln. Inzwischen ist ein ganz großer Teil, was man Unternehmensentwicklung oder Organisationsentwicklung nennt, wo es um vielschichtige Beratungsaufträge geht. Auf einen Nenner gebracht: Träger, Führungskräfte, Teams an einen Tisch bringen und überlegen: „Wie kann Zusammenarbeit besser gelingen?“

Jetzt fällt es vielen Menschen ja schwer, gewohnte Bahnen zu verlassen, in denen sie sich einmal befinden. Was hat Ihnen dabei geholfen, dass Sie Ihren eigenen Weg immer weiter gegangen sind?

Es ist ja schwierig, so aus der eigenen Haut heraus zu argumentieren. Ich glaube, es liegt daran, dass ich einfach neugierig bin. Ich bin auf neue Menschen und auf neue Themen neugierig. Ich hatte immer die Idee: Da muss es doch noch was geben! Also nochmal zu gucken: Was liegt hinter den Dingen? Wo tun sich neue Möglichkeiten auf? Das war für mich immer eine starke Triebfeder. Und vielleicht die Sehnsucht meines Herzens ernst zu nehmen … Da steht am Anfang kein großer Plan drüber, sondern die Entwicklung geht Schritt für Schritt. Ich habe ja mal geschrieben „Ich hatte keinen Karriereplan“ – und den hatte ich nicht. Ich hatte irgendwie die Idee, neugierig auf diese Welt zu sein.

Das ist ja auch eine gute Motivation dafür, Dinge voran zu bringen. Es gibt einen Satz, der heißt „Umwege erhöhen die Ortskenntnis“. Das zeigt, dass es oft nicht der direkte Weg ist, der zum Ziel führt, sondern dass man manchmal auch Schlenker macht. Welche Umwege haben Ihnen wichtige Erkenntnisse gebracht? Denn ich gehe mal davon aus, dass auch Ihr Weg kein direkter war, auch wenn das heute relativ direkt aussieht.

Was meine berufliche Tätigkeit angeht, auch wenn es in vielen verschiedenen Feldern und mit verschiedenen Schwerpunkten war, so gab es für mich eben einen roten Faden, so wie Sie das eben beschrieben haben. Was ich völlig unterschätz habe und wo ich wirklich viele Umwege gegangen bin, ist das Thema Selbstständigkeit. Als ich mich selbstständig machte, hätte ich nicht gesagt, dass ich naiv bin. Im Nachhinein muss ich sagen, dass ich das schon ein bisschen blauäugig angegangen bin. Ich habe gedacht: Ich bin gut ausgebildet, ich hatte immer eine tolle Stelle, ich wusste immer, wie was geht, wusste auch, wie man Beruf mit Kind vereinbart, das war nie ein Thema. Ich war auch nicht arbeitsscheu, aber die Frage, wie ich meine Dienstleistung und das, was ich kann, wirklich gut auf den Punkt formuliere, so dass ich nicht platt „Klinken putzen“ muss und marktschreierisch durch die Gegend laufe – das war für mich die größte Herausforderung. Das wirklich gut und klug zu machen, war auch lange sehr anstrengend. Inzwischen habe ich das Gefühl, das geht gut. Ich weiß, wie ich das machen muss und lebe nicht ständig am Rand der Überanstrengung. Um Ihren Buchtitel zu zitieren: „Es geht inzwischen mit Leichtigkeit“.

Aber das ist ein Weg, der dorthin führt. Es ist ja nicht so, als würde uns so etwas in die Wiege gelegt. Sie haben jetzt ein paar Herausforderungen angesprochen, besonders, was die Selbstständigkeit, oder den Anfang der Selbstständigkeit anbelangt. Wie sind Sie denn diesen Herausforderungen begegnet und was hat Ihnen dabei geholfen?

Ich glaube, es war eine Mischung aus Selbstreflexion, also selber mal darüber nachdenken, und sich neues Wissen aneignen. Das korrigiert ja auch nochmal den Blick. Und immer den Austausch mit anderen, also mir selbst Sparrings-Partner oder Coaching-Partner zu suchen. Ob das dann „Intervision“ heißt, mit Kollegen und Kolleginnen nochmal gucken, also eine Mischung „mit anderen überlegen“, sich gezielt Wissen aneignen und sich nochmal selber fragen, was ist es denn, was ich will? An welchem Punkt stelle ich mir selber wieder einen Fuß und stehe mir selbst im Weg? Vielleicht ist es diese Dreiheit.

Damit kommen wir dann schon zur letzten Frage: Welche Erkenntnisse haben Sie auf Ihrem Weg gewonnen, die Sie anderen mitgeben können, die vielleicht noch am Anfang ihres Weges stehen? Oder möglicherweise gerade in solch einer Herausforderung stecken.

Natürlich sind mir Widrigkeiten begegnet und natürlich fanden das nie alle ganz toll, was ich gemacht habe, und natürlich war das auch nicht immer ganz toll. Es gab immer Sachen, die sind nicht so gut gelungen. Ich glaube, dass ich nicht so lange an den Sachen oder an der Meinung der anderen festgehangen habe. Es gibt schon Menschen, deren Meinung ich ernst nehme, aber ich nehme nicht jede Meinung zu jeder Zeit ganz ernst.

Das ist das Eine, und das andere ist die Frage: „Was gibt mir Sicherheit?“ In jedem Leben und in jeder Lebenssituation gibt es Sicherheiten und es gibt Dinge, die mich verunsichern. Dieses Spannungsfeld, glaube ich, braucht das Leben auch. Wer sagt, er hat alles und er hat jetzt alle Sicherheiten, hört auf, lebendig zu sein.

Also: Was gibt mir Sicherheit? Das können finanzielle Dinge sein, Rahmenbedingungen: dass ich mich zum Beispiel aus einer schwierigen Beziehung löse. Andererseits ist es vielleicht auch ein Mensch oder Menschen, die mir Sicherheit geben, um neues, unsicheres Terrain zu betreten. Und da ist, glaube ich, einfach immer entscheidend, Weggefährten zu haben, die an einen glauben, die auch vielleicht eine große, verrückt Idee unterstützen. Das sind nicht immer die allerengsten Menschen. Einfach gucken nach Menschen, die sagen „Probier‘ es aus, geh‘ den nächsten Schritt. Und wenn es nicht der richtige ist, geh‘ nochmal ein Stück zurück, versuch‘ es neu.“ Ich glaube, dieses Spiel zwischen Sicherheiten und Unsicherheiten ist ein wesentlicher Teil. Und Menschen zu finden, die einem etwas zutrauen, die einem vertrauen, mit dem, was man vorhat.

Ganz herzlichen Dank, Frau Heinzler, für diese Einblicke in Ihren eigenen Weg wie auch für diese Impulse für diejenigen, die noch am Anfang und auf einem etwas unsicheren Weg sind. Ich denke, es ist immer wichtig, dass man Menschen hat, die als „Mutmacher“ unterwegs sind und zeigen, wie es geht und dass nicht immer alles ganz wunderbar ist. Da haben auch ihre letzten Impulse aus meiner Sicht einiges dazu beigetragen. Ganz herzlichen Dank dafür.

Sehr gerne geschehen, Frau Bergmann.

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 20 Jahren Solo-Unternehmen und lebenserfahrene Menschen, ihre Vorstellungen von einem erfüllten Berufsleben mit Leichtigkeit und Klarheit zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt ihre Leser*innen darin, mutig den eigenen Weg zu gehen.

5 Gedanken zu „Mutmacherin Lioba Heinzler im Interview

  1. Monika Birkner

    Liebe Frau Bergmann, liebe Frau Heinzler, ein spannendes Interview!

    Das ist sicher ein sehr ungewöhnlicher Lebensweg mit einem breiten Spektrum an Erfahrungen. Die Neugierde auf neue Menschen und neue Themen kommt als Motiv sehr nachvollziehbar herüber.

    Was auch sehr schön deutlich wird: Dass es wichtig ist, sich nicht von der Meinung anderer abhängig zu machen, und gleichwohl in bestimmten Situationen das Gespräch mit einem Sparringspartner durchaus hilfreich sein kann.

    Ich bin überzeugt, dass der Weg spannend bleibt!

  2. Ulrike Bergmann Beitragsautor

    Vielen Dank für Ihre Rückmeldung zum Interview mit Frau Heinzler. Wir hatten beide viel Freude damit und es hat uns einander näher gebracht in unserer Neugierde auf Neues.

  3. Pingback: Mutmacherin Lioba Heinzler im Interview mit Ulrike Bergmann | Lioba Heinzler

  4. Lioba Heinzler

    Liebe Frau Birkner,
    danke für Ihre Rückmeldung. Schön, zu hören, dass die für mich wichtigsten Motive angekommen sind. Und Ulrike Bergmann nochmals herzlichen Dank für diese Idee. Es war technisch spannend und inhaltlich herausfordernd für mich.

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