Mutmacher: Satte Hilfe für Afrika

Kathrin Seyfahrt: Aus der Magersucht in die Entwicklungshilfe

Es gab eine Zeit, da wog ich 39 Kilo und man verglich mich oft mit einem Biafra-Flüchtling, jenen afrikanischen Flüchtlingen, die aufgrund von Krieg und endloser Trockenheit Hunger leiden mussten. Anders als diese Menschen hatte ich mein Dürrsein selbst bestimmt. Ich war magersüchtig.

Eines Tages, als ich die Bedingungen, die ein weiteres Abnehmen erforderte, nicht mehr erfüllen konnte, weil ich das ständige Frieren, das schwächer werden und was noch damit zusammenhing, nicht mehr aushielt, fasste ich den Entschluss, dass ich eines Tages wieder Mahlzeiten genießen und nicht Kalorien zählen wollte. Bis zu diesem Ziel war es ein weiter Weg. Doch er hat alle Mühen gelohnt.

Mein erster Klinikaufenthalt 1985 währte zwölf Wochen. Für etwa ein Jahr folgte eine ambulante Therapie in München. Dann machte ein Rückfall 1988 noch einmal einen sechswöchigen Klinikaufenthalt notwendig. Von dort entlassen, ging es langsam, aber kontinuierlich aufwärts. Krisensituationen traten später gelegentlich auf, aber ich hatte gelernt, mit ihnen umzugehen.

Ich hab’s geschafft! Nicht zuletzt dank der wertvollen Hilfestellung anderer Menschen.

Seit über zehn Jahren kann ich sagen: Ich bin gesund, und ich genieße das Leben mit all seinen Farben und Facetten. Bereits mit Beginn meiner Gesundung, als ich meine ersten Schritte aus der Sucht unternahm, hat sich mein Leben mehr und mehr verändert. Nach einer Zeit der ehrenamtlichen Tätigkeit im Telefonnotruf für Suchtgefährdete, habe ich im Münchner Selbsthilfezentrum die Essrunde ins Leben gerufen und geleitet, eine Selbsterfahrungsgruppe für Menschen mit jeglicher Art von Essstörungen. Ich habe Bücher zum Thema Essstörungen geschrieben und unzählige Vorträge und Lesungen gehalten.

Entscheidend und prägend für das, was ich heute mache, war sicher meine Idee einer Gegenüberstellung von Wohlstandshunger und Armutshunger. Hierzu habe ich vor 13 Jahren eine Hörfunksendung für den Bayerischen Rundfunk gemacht: „Wohlstandshunger und Armutshunger – eine Gegenüberstellung von Essstörungen als Spiegelbild unserer Überflussgesellschaft und Hungersnöten in Armutsländern dieser Welt am Beispiel Äthiopien“. Bei der Recherche dazu war ich zum ersten Mal in einem so genannten „Dritte Welt Land“, eben Äthiopien. Dort konnte ich Karlheinz Böhm drei Tage in eines seiner Projekte begleiten.

Als ich zurückkam, stand mein Entschluss fest: Ich gründe eine eigene Hilfsorganisation! Seit acht Jahren gibt es nun „Wunschträume / Netzwerk für Mädchen- & Frauenprojekte e.V.“, dessen Gründerin und Vorsitzende ich bin. Vom Entschluss bis zur Gründung des Vereins hat es fünf Jahre gedauert. Eine Zeit, in der ich viel gereist bin und mir unterschiedlichste Projekte in sehr armen Ländern angesehen habe.

Bereits mit der Entscheidung geschah etwas Wichtiges: Ich habe seither nie mehr über Kalorien, Nicht-essen-dürfen etc. nachgedacht – und das ist bis heute so geblieben. „Das Leben ist viel zu schön, um es mit Hungern zu verbringen“ – Ja, und es ist ein unbeschreiblich großes Glück, in diesem Teil der Erde geboren worden zu sein und alle Möglichkeiten der Welt zu haben. Von diesem Glück und von dieser Dankbarkeit möchte ich einen kleinen Teil abgeben und  weitergeben.

Kontaktdaten: Kathrin Seyfahrt, https://www.netzwerk-wunschtraeume.de

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 20 Jahren Solo-Unternehmen und lebenserfahrene Menschen, ihre Vorstellungen von einem erfüllten Berufsleben mit Leichtigkeit und Klarheit zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt ihre Leser*innen darin, mutig den eigenen Weg zu gehen.

2 Gedanken zu „Mutmacher: Satte Hilfe für Afrika

  1. Daniela Tax

    Liebe Kathrin Seyfahrt

    Deine Lebensbeschreibung gefällt mir und vor allem die Gegenüberstellung von Armuts- und Wohlstandhunger.

    Ich habe eine Tochter, noch 15, die sich immer wieder an der Grenze zur Magersucht bewegt. Und die anfangs sehr fremdbestimmt aber auch bestimmt war, so dass es mir als Mutter schwerfiel mich von ihr abzugrenzen. Sie machte mir Angst.

    Ich bin Märchen- und Geschichtenerzählerin und liebe es, mich in die Märchen zu vertiefen und mich auch von ihnen anregen zu lassen, anregen auch zum selbst schreiben.

    So ging es mir mit dem hässlichen Entlein von Christian Andersen. Es regte mich an über meine Tochter zu schreiben. Zu finden ist es auf meiner Seite http://www.erzaehlkarawane-ammersee.de unter Märchen und Geschichten, Kunstmärchen , H. Chr. Andersen. das häßliche Entlein, Interpretation.

    Tschüß Daniela, dir viel Erfolg

  2. Ulrike Bergmann Beitragsautor

    Liebe Frau Tax,
    danke für Ihre eigene Erfahrung zum Thema dieses “Mutmachers”. Es gibt viele Wege, sich mit einem Thema zu befassen und das Schreiben ist dabei ein sehr wichtiger. Ihren Hinweis gebe ich gerne an Frau Seyfahrt weiter. Ihnen wünsche ich viel Geduld, die auch erforderlich dafür ist, die eigene Tochter achtsam auf deren eigenem Weg zu begleiten und ihn gehen zu lassen.
    Herzliche Grüße von See zu See
    Ulrike Bergmann

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