Eva-Ellen Weiß: Wenn die Zeit reif ist…

Weiß_PorträtZu den Menschen, mit denen ich meine Interviews führe, komme ich auf unterschiedlichen Wegen. Eva-Ellen Weiß wurde mir mit dem Hinweis “eine bezaubernde junge Frau” empfohlen. Was mich an ihr begeistert: dass Sie in jungen Jahren schon den Mut hatte, ihren eingeschlagenen Weg in Frage zu stellen. Sie kündigte – und wartete so lange ab, bis sie fand, wonach sie suchte. Ein wenig erinnert es mich an meine eigene Suche nach einer beruflichen Alternative. Allerdings konnte ich im Job bleiben, weil er mich nicht quälte…

Jeder Traum beginnt mit einer Frage. Mit welcher Frage hat Ihr Traum begonnen?
Kann ich wirklich alles werden, was ich will? Mit dieser Maßgabe bin ich erzogen worden. Doch ich habe etwas studiert, was kaum zu mir passte, und mein erster Job danach hat mich so schockiert, dass ich mich gefragt habe: Muss Arbeit so schrecklich sein? Wie machen die anderen das? Wie halten die das aus?

Werden wir konkret: Welchen Traum haben Sie verwirklicht?
Den Traum von einem Job, der mir Spaß macht und mich erfüllt. Von einer Tätigkeit, zu der ich mich morgens nicht mit Bauchschmerzen, sondern mit Vorfreude auf den Weg mache. Gleich nach dem Studium hatte ich einen Job, der mich quälte und unvorstellbar unglücklich machte. Ich habe ihn gekündigt und so lange mit der Suche nach dem richtigen Job durchgehalten, bis ich ihn wirklich gefunden habe. Heute arbeite ich an der Uni Düsseldorf als Dozentin und Doktorandin. Promovieren wollte ich gleich nach dem Studium – aber damals war wohl einfach die Zeit nicht reif.

Manche Träume brauchen ihre Zeit. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, von der ersten Idee bis Sie Ihren Traum verwirklicht hatten?
Etwa zweieinhalb Jahre.

Der direkte Weg ist selten der kürzeste. Welchen Herausforderungen und Hindernissen sind Sie begegnet und wie sind Sie damit umgegangen?
Vielen! Zunächst habe ich den quälenden Job gekündigt – ohne etwas Neues zu haben – und habe mich auf den Jakobsweg in Spanien begeben. Allein. Kopf frei kriegen, mit mir und meinen Gedanken alleine sein und mich hin und wieder mit klugen Menschen unterhalten, die ausreichend Abstand von meiner Situation hatten.

Nach der Rückkehr wartete Herausforderung Nr. 1: Woher kommt das Geld zum Leben? Das kam von vielen kleinen Aushilfsjobs und reichte nur selten. Irgendwann vom Arbeitsamt. Das brachte Herausforderung Nr. 2 auf den Plan: Wie gehe ich mit dem Gefühl um, keine Aufgabe zu haben, nicht gebraucht zu werden, ein Stück weit am Rande der Gesellschaft zu stehen – und es mir auch noch selbst ausgesucht zu haben? Schwierig. Es lauerten viele tiefe schwarze Löcher, und in einige bin ich von Zeit zu Zeit hineingefallen. Ich war oft deprimiert, schlecht gelaunt und manchmal verzweifelt. Einzige Lösung: Kopf hoch und durchhalten, ruhig mal einen Tag heulen, aber dann geht’s weiter!
Es ist nicht so, dass es in der Zwischenzeit keine Jobangebote gegeben hätte. Doch mein Traum war ja, einen erfüllenden, den richtigen Job zu haben. Also habe ich einige Jobs abgelehnt – trotz des fehlenden Geldes, trotz der unangenehmen Aushilfsjobs und entgegen den argwöhnischen Blicken und Bemerkungen von Freunden und Bekannten.
Eine kluge Frau, Coach aus Gauting, hat einmal zu mir gesagt: „Wenn die Zeit reif ist, geht es ganz leicht. Geht es nicht leicht, dann ist die Zeit nicht reif.“ Und damit hatte sie sehr recht – ich habe mich oft an diesem Satz festgehalten.

Erfolge entstehen mit anderen. Wer und was hat Sie dabei unterstützt, Ihren Traum zu verwirklichen?
Große Unterstützung habe ich zuallererst von meiner Mutter erfahren – nicht nur finanziell, indem sie zeitweise meine Miete bezahlt hat, sondern vor allem emotional. Obwohl sie mich anfangs nicht verstehen konnte, war sie immer auf meiner Seite, hat mich nicht gedrängt, sondern mich in Ruhe suchen lassen. Wie meine engen Freunde hat auch Sie mich und meine Launen, mein Gejammere wie auch meine immer neuen Ideen und deren Ende ertragen und immer wieder zugehört.
Meinen Freund habe ich gerade in dieser schwierigen Zeit kennen gelernt. Und er ist bei mir geblieben. Ich habe es ihm sicherlich oft nicht leicht gemacht, doch er hat mich immer wieder aufgebaut, unterstützt und mir Mut zugesprochen. Inzwischen leben wir zusammen. Dass er sich von alledem nicht hat abschrecken lassen, vergesse ich ihm nicht.
Auch die Gespräche mit meiner Coach haben mir sehr geholfen, genauso wie viele kleine Begebenheiten und Wortwechsel mit manchmal fremden Menschen. Oft tut es schon gut, zu spüren, was andere (an Potential) in einem sehen, wofür man selbst blind geworden ist.

Erkenntnisse sind die Schatzkiste des Erfolgs. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse auf dem Weg?
Das größte Hindernis ist zugleich mein größter Schatz: mein Kopf. Ich brauche ihn, um zu wissen, was ich will und um Wege zum Ziel zu finden. Zugleich war er es auch, der mich ausgebremst hat. Immer und immer wieder. Mit Fragen: Was denken die anderen von mir? Kann ich das überhaupt schaffen? Bin ich selber schuld, dass ich so unzufrieden bin (schließlich leben andere Menschen auch so)? Nicht leicht, den eigenen Kopf so auszutricksen, dass man die Vorzüge nutzen und die bedrohlichen Fragen ausschalten kann. Nicht leicht, aber möglich. Übungssache.

Ausblick in die Zukunft: Welchen Traum wollen Sie als nächstes realisieren?
Zunächst mal ist der nächste Traum der Doktortitel. Das kann noch eine Weile dauern, aber im Moment ist tatsächlich eher der Weg das Ziel, denn die Arbeit macht wirklich Spaß. Für den Folge-Traum habe ich schon etwas im Auge – einen beruflichen und einen privaten. Aber die sind beide noch im Entstehen.

Vielen Dank für das Gespräch und Glückwunsch zu Ihrem Mut. Ich wünsche Ihnen, dass Sie Ihren Weg genießen können die Zeit für die Folge-Träume bald reif ist.
In der nächsten Woche gibt es eine Premiere: im Doppelinterview erzählen Doris und Ulrike Stahl davon, wie aus zwei einzelnen Wegen ein gemeinsamer Traum wurde.

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 25 Jahren lebenserfahrene Frauen, ihre Vorstellungen von einem erfüllten Berufs- und Privatleben mit Leichtigkeit und Klarheit zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt ihre Leserinnen darin, mutig den eigenen Weg zu gehen.

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