Rita Capitain: Zurückkehren in den Kreislauf der Natur

Capitain_PorträtRita Capitain lernte ich vor einigen Jahren kennen, als ich auf der Suche nach ermutigenden Geschichten war. Zu diesem Zeitpunkt stand die Bildhauerin noch am Anfang ihres kämpferischen Weges, auf dem sie ein persönliches Anliegen verwirklichte: eine spezielle Urne. Schon beim ersten Mal war ich von ihrer Idee, ihren Gedanken dazu und ihrem Engagement für die Sache begeistert. Meine Faszination ist immer noch vorhanden – und daher lag es nahe, sie auch im Rahmen meiner Interview-Serie zu befragen.
Ihre Antworten haben mich dazu angeregt, mich damit zu beschäftigen, welche Idee ich selber in die Welt bringen möchte. Meine Antwort dazu finden Sie in diesem Beitrag.

Jeder Traum beginnt mit einer Frage. Mit welcher Frage hat Ihr Traum begonnen?
Es gab tatsächlich eine zentrale Frage: Was passiert mit den Resten meines Körpers, wenn er in einem Krematorium zu Asche geworden ist? 
In meinem Fall möchte ich zunächst einmal die Bedeutung des Wortes „Traum“ klären. Es war kein Tag-Traum, z. B. träumend aus dem Fenster schauen und sich etwas Tolles vorstellen. Nein, es handelte sich tatsächlich um den Traum in der Nacht. Die unbewusste Kraft meiner Gedanken hatte gearbeitet, wohl kommend aus den Tagen oder Wochen zuvor.
Was war zuvor passiert? Ab und an beschäftigte mich mein Ableben. Mal mehr, mal weniger. Damals dachte ich, es hätte mit dem Überschreiten der Lebensmitte zu tun. Heute weiß ich: es gibt Aufgaben im Leben. Dass es meine zentrale Lebensaufgabe werden würde, ahnte ich vor 10 Jahren noch nicht. Die Beschäftigung mit dem Thema Tod und meiner eigenen Urnenbestattung intensivierte sich dann zu einer Zeit, als ich bereits bewusst aus meiner langjährigen Tätigkeit als Medien-Frau in Werbeagenturen, Verlagen und Sendern ausgestiegen war. Was ich machen wollte, wusste ich nicht konkret.
Aber ich spürte, da ist eine große Kreativität in mir. Neben dem Brotberuf hatte ich zusätzlich eine Ausbildung zur Bildhauerin gemacht. Sollte ich diesem Weg folgen? An einem Sonntag besuchte ich einen der ersten Friedwälder in Deutschland. Der Bestatter, der diese kleine Busreise organisiert hatte, lud die Gäste anschließend in sein Bestattungshaus ein, um Fragen zu dieser neuen Bestattungsart zu beantworten. Die Leute waren sehr interessiert. Ich verließ das Bestattungshaus seltsam berührt und nahm das Gehörte und Gesehene mit in die Nacht. Im Traum nahmen die Gedanken bereits verschwommene Form an. So begann die Geschichte meiner Bestattungsurne mit dem Namen: das frEI.

Werden wir konkret: Welchen Traum haben Sie verwirklicht?
Die Erfindung einer völlig neuen Form von Bestattungsurne: Aschenkapsel und Schmuckurne gleichzeitig, dabei praxisnah, durchdacht, innovativ. Eine geschlossene Urne, die zu 100% umweltgerecht ist und den Gesetzen der Bundesrepublik entsprechen. Lediglich ein schützender Mantel sollte meine Reste umgeben. Diese Möglichkeit gab es 2002 noch nicht. Also erfand ich sie. Das war Aufgabe und zugleich eine große Herausforderung. Dieses Ziel habe ich erreicht!
Zahlreiche meiner Urnen wurden in den letzten 10 Jahren beigesetzt. Weitere warten als Vorsorge-frEI in den Häusern ihrer Menschen auf den Tag X. Für mich ist dies ein unbeschreiblich wohltuendes und befriedigendes Glücksgefühl, das nichts zu tun hat mit Geld und Gewinnmaximierung.

Manche Träume brauchen ihre Zeit. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, von der ersten Idee bis Sie Ihren Traum verwirklicht hatten?
Es dauerte fast zwei Jahre, bis die Bestattungsurne das frEI fertig entwickelt war, und ich der Fachwelt etwas völlig Neues präsentieren konnte. Die Fachleute bestätigten mir, noch nie eine bis ins kleinste Detail so durchdachte Bestattungsurne gesehen zu haben. Daraufhin ließ ich sowohl den Namen als auch das Gefäß schützen.

Der direkte Weg ist selten der kürzeste. Welchen Herausforderungen und Hindernissen sind Sie begegnet und wie sind Sie damit umgegangen?
Den Weg hier darzustellen, würde den Rahmen des Interviews sprengen. Irgendwann werde ich darüber ein Buch schreiben, das sich lesen wird wie ein Krimi. Aber folgende Geschichte möchte ich doch herausgreifen:
Die Friedhofverwaltung einer Stadt änderte Mitte 2008 fortschrittlich ihre Statuten und legte fest, dass nur noch vergängliche Materialien in die Erde eingebracht werden dürfen. Ein vorbildlicher Ansatz. Eine Familie entschied sich für meine Urne das frEI. Sie wollten in erster Linie ganz bewusst auf jedwede Aschenkapsel verzichten. Dazu war es erforderlich, dass die Asche aus der metallenen Krematoriumskapsel in meine biologische Urne umgefüllt werden musste.
Die Bestatterin der Familie erklärte mir am Telefon, das es kein Problem sei, die Asche umzufüllen. Ich begann damit, das frEI zu bauen und überlegte mir bereits eine passende Gestaltung. Um die Kosten im Blick zu haben, forderte die Familie von der Bestatterin eine Zwischenrechnung der Kremationskosten. Dort konnte man schnell erkennen, dass die Bestatterin das ihr entgangene Geld für eine Überurne zweifellos auf den Preis des Krematoriums-Sarges aus einfacher Kiefer (ca. 120 Euro) aufgeschlagen hatte. Der kostete jetzt mal eben 400 Euro. Daraufhin stellte die Familie stellte die Bestatterin zur Rede. Diese wurde wütend, fühlte sich ertappt und setzte die Familie nun mit der Aussage unter Druck, dass sie die Asche jetzt doch nicht umfüllen werde, und sie dafür sorgen würde, dass dies auch niemand sonst in der Stadt die Asche erledigen werde. Ihre völlig aus der Luft gegriffene Begründung: Sie gefährde damit ihr Unternehmen. Es sei verboten, Asche umzufüllen.
Die Friedhofverwaltung war jetzt ebenfalls überfordert und argumentierte: Das Umfüllen sei Aufgabe des Bestatters. Einer schob es auf den anderen. Für die Familie eine völlig unprofessionelle Zumutung. Schließlich gab die Friedhofverwaltung auf Drängen der Familie und Hinzuziehen eines Rechtsbeistandes nach und überließ den Angehörigen die Aschenkapsel für ein paar Stunden. Die Familie durfte – man höre und staune! – das Umfüllen jetzt selbst vornehmen. Ein Novum! Allerdings mit der Auflage der Verwaltung, darüber Stillschweigen zu bewahren!
So erfüllte sich dann doch noch der Wunsch der Verstorbenen und ihrer Angehörigen. Nun stellte sich der Friedhofverwaltung aber ein weiteres Problem, nämlich die Entsorgung der leeren Aschenkapsel. „Wohin damit?“ fragten sich die Zuständigen. Sie einfach ganz normal zu entsorgen, darauf kamen die Friedhofverwalter nicht. Nein – sie setzten der ganzen Sache die Krone auf und jetzt wird der Skandal erst richtig perfekt: die Friedhofverwaltung bestand darauf, die leere Metall-Blechdose mit in das Grab zu geben.
Das ZDF interessierte sich damals sehr für diesen Vorfall. Ich stand mit dem Sender in Verbindung und war der Meinung, dies gehöre unbedingt in die Öffentlichkeit. Die WISO-Redaktion bot der Familie an, ihre Geschichte anonym hinter einer Wand zu erzählen. Ich persönlich durfte das nicht, weil es als Produktwerbung ausgelegt worden wäre! Doch die Familie hatte Angst, erkannt zu werden, und so kam der Beitrag leider nicht zustande.
Wie bin ich damit umgegangen? Ich sicherte mich noch einmal juristisch ab, war im Recht und machte dann mutig weiter. Mit solchen Aktionen schadet die Bestattungsbranche sich nur selbst. Leider zeigt dieses Beispiel auch, wie die Machtposition ausgespielt wird. Aber durch das Internet verbreiten sich heutzutage solche Machenschaften sehr schnell. Damit beginnt die Macht endlich zu bröckeln… und das ist auch gut. Solche Dinge dürfen einfach nicht passieren.

Erfolge entstehen mit anderen. Wer und was hat Sie dabei unterstützt, Ihren Traum zu verwirklichen?
Es gab einen besonderen Menschen, der mich sehr unterstützt hat. Ein ausgezeichneter Tüftler, der mir in der Erfindungsphase half, all meine Gedanken in feste Materie umzusetzen. Ihm werde ich dafür immer dankbar sein. Ansonsten konnte ich nicht viel Hilfe erwarten. Es ging ja um einen Gegenstand, den es so noch nicht gab. Auch das Thema Tod war und ist für andere nicht gerade spannend. Erfindungen kommen aus dem Kopf des Erfinders. Ein Unterstützer hätte – ohne Gegenleistung – mir und meiner Idee sehr viel Zeit schenken müssen. Die Gesellschaft begann schon damals, sich extrem gegenläufig zu entwickeln. Geschenkte Zeit kostet Geld und es macht Mühe, die Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Zu erkennen, dass das frEI nicht nur ein neues Urnen-Gefäß ist, sondern durch seine Philosophie bestehende Missstände aufzeigt. Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht. Früher fragte man: Dient eine Erfindung der Gesellschaft? Heute gilt nur noch die Frage: Bringt sie Geld?

Erkenntnisse sind die Schatzkiste des Erfolgs. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse auf dem Weg?
Ganz klare Erkenntnis: Ich muss mir treu bleiben … Denn keiner fühlt sich verantwortlich dafür, was in die Erde gesteckt wird. Jedes beteiligte Unternehmen denkt nur an den eigenen Profit. Egal ob Krematorium, Bestatter oder Friedhofverwaltung. Es bringt der Umwelt überhaupt nichts, wenn über eine Metall-Aschenkapsel aus dem Krematorium eine biologische Überurne gezogen wird. Die Kapsel kommt wieder ans Tageslicht und muss entsorgt werden. Zwei Gefäße beizusetzen ist schlichtweg Geldschneiderei.
Deshalb war trotz der großen Widerstände nichts anderes möglich, als mir und meiner Erfindung treu zu bleiben. Oft schlug man mir vor, ich solle die Konstruktion meiner Urne ändern, damit mein Gefäß mit dem System kompatibel sei. Dass aber gerade dieses System nach meinen Recherchen durchgefallen war, interessierte 2002 noch niemanden. Inzwischen hat sich viel getan. Eine Welle von Bio-Urnen (wohlgemerkt Überurnen) ist auf den Markt geschwappt, die teilweise vom Material her auch wieder fragwürdig sind. Jeder, der sich auf sein Ableben vorbereiten will, sollte sich drei Fragen stellen:

  1. Will ich ein Vorgehen unterstützen, das nach jahrzehntelanger Mietzeit eines Urnengrabes die Kombination von Aschenkapsel + Schmuckurne wieder ausbuddeln muss?
  2. Finde ich es gut, dass meine Asche dann irgendwo entsorgt wird?
  3. Würde ich das übliche Verfahren für einen meiner eigenen Angehörigen oder für mich selbst wirklich wollen?

Ausblick in die Zukunft: Welchen Traum wollen Sie als nächstes realisieren?
Sehr bald werde ich etwas nur für mich tun. Ich werde wieder zurückkehren ans Meer! Es hat sich nämlich herausgestellt, dass ich dem Wohlwollen der Bestatter nicht länger hinterher laufen muss. Egal wo ich bin! Menschen, die das frEI mit seinen Vorzügen erkennen wollen, finden mich durch das Internet. Sie bestellen heute telefonisch ihre ganz persönlich gestaltete Urne.
Sehr berührende Rückmeldungen geben mir die Kraft, weiter zu arbeiten. Mehr geht nicht! Dafür haben sich alle Mühen gelohnt! Mir war immer klar, dass sich mit diesem Konzept nur überschaubare Stückzahlen fertigen lassen und so soll es auch bleiben. Der Traum kam über Nacht in mein Leben. Heute ist er wunderbare Wirklichkeit geworden.

Vielen Dank, Frau Capitain, dass Sie uns einen Einblick in die Herausforderungen gegeben haben, die mit einer neuen Idee verbunden sind. Für die Verbreitung Ihres Anliegens wünsche ich Ihnen allen Erfolg!
Sie haben Interesse an dieser besonderen Urne und einer anderen Form der Bestattung. HIer finden Sie mehr Informationen dazu: Urnen das frEI

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 20 Jahren Solo-Unternehmen und lebenserfahrene Menschen, ihre Vorstellungen von einem erfüllten Berufsleben mit Leichtigkeit und Klarheit zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt ihre Leser*innen darin, mutig den eigenen Weg zu gehen.

7 Gedanken zu „Rita Capitain: Zurückkehren in den Kreislauf der Natur

  1. Helga Striebeck

    Vorgeschichte: Vor etwas mehr als drei Jahren verstarb mein lieber Mann. Wir lebten bis dahin seit ca. 15 Jahren nach dem Motto „Einklang mit der Natur“. Dies führte dazu, dass er in einem Sarg aus geflochtener Weide zu Grabe getragen wurde.
    Als ich nach fast zwei Jahren endlich wieder „ins Leben zurück fand“, stellte ich mir die Frage: „Wie soll ich mein eigenes Ableben von dieser Welt gestalten?“ Ein weiterer dunkler November hatte begonnen und mit ihm der traurigste Monat eines jeden Jahres. In dieser Zeit wurde ich durch eine Fernsehsendung auf die Urnen das frEI aufmerksam.
    Sofort schaute ich im Internet nach und fand schließlich den Kontakt zu Rita Capitain.
    Wir trafen uns und ich gab meine persönliche Urne bei ihr in Auftrag. Sie ist eine begnadete Künstlerin und bot mir an, meine eigene Kreativität einzubringen.
    Es wurde eine wunderschöne Urne – ein Kunstwerk, abgestimmt auf meine persönliche Lebensweise, auf meine eigene Lebensphilosophie. das frEI ist ausschließlich mit Naturmaterialien hergestellt und verzichtet auf eine zusätzliche Aschenkapsel. Somit werde ich mich nach meinem Ableben mit Mutter Erde sehr schnell verbunden haben.
    Das macht mich heute schon sehr zufrieden.
    Mein frEI steht jetzt im Wohnzimmer auf einem Podest.
    Heute bin ich 66 Jahre alt und habe die feste Absicht, aufbauend auf meine natürliche Lebensweise, noch 20 bis 30 Jahre möglichst froh und munter auf dieser Welt zu bleiben.
    Und in dieser Zeit werde ich mich immer am Anblick meines frEI’s erfreuen.

  2. Ulrike Bergmann Beitragsautor

    Herzlichen Dank, Frau Striebeck, dass Sie das Interview mit Frau Capitain mit Ihrer eigenen Geschichte ergänzen. Ich wünsche Ihnen, dass Sie sich noch sehr lange an Ihrem persönlichen frEI erfreuen können.

  3. InMemoriam Bestattungshaus, Aachen

    Seit unserer Gründung im Jahr 2007 kennen wir bereits die Urnenmacherin Rita Capitain. Ab 2008 konnten wir unseren Kunden diese außergewöhnlichen Urnen-Gefässe anbieten. Menschen, die eine ganz besondere Zeremonie für den letzten Abschied gestalten wollen, suchen sich das frEI aus. Die Asche umzufüllen, sehen wir als Dienstleistung für unsere Kunden und entsprechen diesem ausdrücklichen Wunsch sehr gern. Bei der Urnenbeisetzung sehen wir in den Augen der Angehörigen, dass der Augenblick des Absenkens der Urne das frEI mit dem Seidentuch berührend und würdevoll ist. So konnten wir schon viele dieser trostspendenden Augenblicke wahrnehmen…. und wünschen Frau Capitain weiterhin viel kreative Schöpfenskraft.

  4. Ulrike Bergmann Beitragsautor

    Da ich den Mut von Frau Capitain, Ihre Idee so konsequent zu verfolgen, bewundere, freue ich mich sehr zu lesen, dass es Bestattungshäuser gibt, die ihre Idee mittragen und unterstützen.

  5. Rita Capitain

    DANKE ! Ihnen allen ….
    Mut allein reicht nicht aus …. es ist das HANDELN, das eine Idee in die Welt hinaus bringt!

  6. Ulrike Bergmann Beitragsautor

    Liebe Frau Capitain, Ihre Aussage kann ich nur unterstreichen. Die fehlende Bereitschaft zum Handeln vernichtet zahllose großartige Ideen.
    Ich wünsche Ihnen eine großartige Resonanz und zahlreiche Früchte als Ergebnis Ihres Einsatzes.

  7. Mirjam Verspuij

    Liebe Rita Capitain,
    schön war es, Dich vor ein Paar Jahren persönlich kennen zu lernen! Und schön ist es, zu lesen und zu sehen, welchen Herzensweg Du gehst.
    Deine Idee mit dem frEI berührt mich, und ich sehe mit wie viel Leidenschaft Du dafür gehst! Die Auseinandersetzung mit dem Thema Abschied und Tod ist so individuell und das frEI so persönlich… Die Ermutigung, so persönlich sein zu dürfen, das ist es, was es braucht. Ich wünsche Dir weiterhin, dass Du Dir und Deiner wunderbaren Idee treu bleibst und dass auch die Botschaft, die mit dem frEI verbunden ist, weiterhin wachsen und gedeihen darf!
    Herzlichst, Mirjam Verspuij

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