Katrin Rohde: Mama Tenga oder mein afrikanisches Leben

Rohde_Portät-Webseite Im August 2013 war ich durch einen Beitrag im Hamburger Abendblatt auf Katrin Rohde aufmerksam geworden. Ihre Geschichte, wie aus einer weißen Frau “Mama Tenga” wurde sprach mich sehr an – und so schickte ich eine Anfrage an den von ihr gegründeteb Verein.  Ich war sehr gespannt auf ihre Antworten, die ich Ihnen diesmal präsentieren kann. Und vielleicht kennen Sie jemanden, der den Traum dieser beeindruckenden Frau fortsetzen möchte. Davon mehr am Ende…

Jeder Traum beginnt mit einer Frage. Mit welcher Frage hat Ihr Traum begonnen?
In diesem Fall kam die Frage von jemand anders: eine alte arme Frau in einer Moschee fragte mich in einer Nacht vor 23 Jahren: “Kannst Du nicht hier bei uns wohnen? Du bist doch eigentlich eine von uns.”

Werden wir konkret: Welchen Traum haben Sie verwirklicht?
Ich hatte die Straßenkinder in der Hauptstadt Ouagadougou in Burkina Faso gesehen und konnte nicht glauben, dass sich niemand um sie kümmerte. Niemand tat etwas, also musste ich etwas tun. Ich verkaufte und verschenkte alles, was ich in Europa hatte und zog nach Ouagadougou. Ich war 45 Jahre alt, hatte bislang in Saus und Braus gelebt und wollte nichts mehr haben. Das Ausmaß der Armut in Afrika hatte ich vorher niemals richtig gesehen und verstanden.

Manche Träume brauchen ihre Zeit. Wie lange hat es bei Ihnen gedauert, von der ersten Idee bis Sie Ihren Traum verwirklicht hatten?
Als ich den Entschluss getroffen hatte, war es einfach: der Weg tat sich auf und alles lief folgerichtig und ohne mein Dazutun ab – bis ich ankam, mir ein kleines Haus mietete und die ersten neun Straßenjungen bei mir aufnahm.
Nach 19 Jahren gibt es zwei Waisenhäuser für 120 Kinder, zwei Häuser für 50 minderjährige ausgestoßene Mädchen, eine Krankenstation, die jährlich 70.000 Patienten behandelt, eine soziale Beratungsstelle für Witwen und Frauen mit 40.000 Anfragen pro Jahr. Wir haben zwei biologische Landwirtschaftsschulen für 110 Jugendliche, arbeiten mit Behinderten sowie für unterernährte Kinder. Schauen Sie einmal unsere Website an, www.sahel.de – da bekommen Sie einen Eindruck.

Der direkte Weg ist selten der kürzeste. Welchen Herausforderungen und Hindernissen sind Sie begegnet und wie sind Sie damit umgegangen?
In Burkina Faso gibt es 60 verschiedene Sprachen und Ethnien, die alle nach unterschiedlichen Traditionen leben. Hinzu kommt ein immenser Einfluss aus den westlichen Ländern wie auch aus China und Taiwan. Verstärkt durch die Landflucht wurde aus der ehemals kleinen Hauptstadt ein Moloch von 3 Millionen Einwohnern. Ein sehr schwieriges Leben, bei dem vor allem die Kinder und Jugendlichen auf der Strecke bleiben. Die Bürokratie treibt Blüten, Bestechlichkeit ist an der Tagesordnung, Minderjährige sitzen mit Erwachsenen im gleichen Gefängnis, AIDS und Prostitution überall. Meine Aufgabe sehe ich darin, vor allem unsere vielen Waisenkinder davor so gut es geht zu bewahren.
Ich hatte sehr wenig Geld und schrieb daher 2002 ein Buch mit dem Titel Mama Tenga. Zusammen mit meinen vielen Vorträgen in vielen Ländern Europas bildet es die Basis zu allen Spenden. Eine wahre Herausforderung, denn ich werde nicht jünger. Zu Beginn meiner afrikanischen Zeit haben mich viele tropische Krankheiten sehr mitgenommen. Die waren ein echtes Hindernis.

Erfolge entstehen mit anderen. Wer und was hat Sie dabei unterstützt, Ihren Traum zu verwirklichen?
Hier in Afrika arbeite ich mit 125 afrikanischen Mitarbeitern. Neun eigenverantwortlich arbeitende Direktoren leiten die Projekte. Zusammen sind wir ein großartiges Team, das seine Entschlüsse gemeinsam fasst.
In Deutschland wiederum sitzen die meisten Spender und die Vereins- und Stiftungsvorstände. Alle arbeiten ehrenamtlich, und das ist bei unserer jetzigen Größe nicht zu knapp! All diesen Menschen, ob hier oder dort, bin ich zu großem Dank verpflichtet.
Seit 18 Jahren bin ich hier verheiratet. Mein Mann ist Afrikaner und, obwohl jünger als ich, mein bester Berater. Er ist weiser und klüger und viel geduldiger als ich!

Erkenntnisse sind die Schatzkiste des Erfolgs. Was waren Ihre wichtigsten Erkenntnisse auf dem Weg?
Heiter bleiben! Verantwortung gerne übernehmen! Auf die innere Stimme hören, immer!

Ausblick in die Zukunft: Welchen Traum wollen Sie als nächstes realisieren?
Nun bin ich 65 und suche langsam jemanden, den ich hier einarbeite. Nein, nicht als Nachfolger, sondern als Verwalter/in der bestehenden Einrichtungen. In Afrika muss eine Weiss-Nase sitzen, um unsere Arbeit an unsere Vereine in etlichen westlichen Ländern und an alle Spender zu vermitteln! Sie muss einiges mitbringen für diese Arbeit: fließend Französisch, Englisch und Deutsch sprechen, tropentauglich und tropenerfahren sein und voller Liebe, denn sonst geht´s nicht. Ach ja, hart arbeiten gehört auch dazu. Meine Tage umfassen so 12-14 Stunden.
Vielleicht Sind Sie es selber, lieber Leser, liebe Leserin, oder Sie kennen jemanden? Dann wären Sie der Schlüssel zur Fortsetzung meines Traums!

Vielen Dank. liebe Frau Rohde, für diesen spannenden Einblick in Ihr afrikanisches Leben. Ich halte Ihnen die Daumen, dass sich bald jemand findet, der oder die Ihren Traum aufgreift und ihn fortsetzt. Ganz im Sinne Ihres Leitspruchs: Managré Nooma – Das Gute geht nie verloren.

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 20 Jahren Solo-Unternehmen und lebenserfahrene Menschen, ihre Vorstellungen von einem erfüllten Berufsleben mit Leichtigkeit und Klarheit zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt ihre Leser*innen darin, mutig den eigenen Weg zu gehen.

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