Von der Fast-Insolvenz zum positiven Kontostand

Neben vielen Höhen habe ich in den vergangenen 20 Jahren auch einige Tiefen erlebt.
Die schwierigste Phase meiner Selbstständigkeit erlebte ich im Jahr 2000. Da stand ich kurz vor der Insolvenz und schaffte es doch, das Steuer herumzureißen und in kurzer Zeit zu einem positiven Kontostand zu gelangen. Zugleich war es das Jahr, in dem ich am meisten darüber gelernt habe, wie und wodurch aus Misserfolgen neue Möglichkeiten und letztlich Erfolge entstehen. Wie ich dabei vorgegangen bin, erfährst Du in diesem Beitrag.

Ausgangssituation

Der Eintritt in das neue Jahrtausend erschien vielversprechend. Den Jahreswechsel hatte ich auf einem Seminar erlebt und war danach mit einigen Erwartungen in dieses Jahr 2000 gestartet. Mein zweites Buch „Erfolgreich als Einzelunternehmer“ war gerade erschienen und daran knüpfte ich einige Erwartungen. Ich hatte langsam einen ersten Kundenstamm aufgebaut und war mit meinen Angeboten auf positive Resonanz gestoßen. Also eigentlich beste Voraussetzungen für ein erfolgreiches Geschäftsjahr.

Doch es kam anders.

Ich traf einige falsche Entscheidungen, meine Angebote hatten zu geringe Nachfrage und auch die Maßnahmen rund um das Buch brachten weniger Resonanz als erwartet. Das Ergebnis: Meine Einnahmen deckten meine Ausgaben nicht mehr und ich geriet immer tiefer in die roten Zahlen.

Die mögliche Rettung

Auf einer Veranstaltung lernte ich eine Trainer-Kollegin kennen und sprach mit ihr offen über meine immer schwieriger werdende finanzielle Situation. Sie bot mir an, mich über einen Zeitraum von drei Monaten im Coaching zu begleiten. Als Gegenleistung sollte ich sie im folgenden Oktober auf einer für sie wichtigen Veranstaltung unterstützen. Wir hatten einen guten Draht zueinander gefunden, sodass ich ihr Angebot gerne annahm. Sie schien mir wie der rettende Engel in meiner zunehmend bedrohlicher erscheinenden Situation.

Doch es kam anders…

Wir hatten vereinbart, dass wir jede Woche telefonieren und über Möglichkeiten sprechen, wie ich an neue Kunden und Aufträge komme. Sie war auf dem Gebiet sehr gut bewandert und stand mir bei allen Aktivitäten mit Rat und Tat zur Seite. Doch statt besser wurde meine Situation immer schlimmer. Mein Glück zu diesem Zeitpunkt war, dass ich über einen Dispokredit von 20.000 DM verfügte. Ohne diesen „Rettungsanker“ hätte ich mit Sicherheit Insolvenz anmelden müssen. Doch was half dies, wenn ich keinen „Silberstreif am Horizont“ erkennen konnte.

Je intensiver ich mich mit dem Thema Geld und insbesondere seinem Fehlen beschäftigte, desto weniger geschah. Es war wie verhext! Egal, was ich unternahm und ausprobierte, nichts gelang mir. Es war bereits Mitte August und mein Dispokredit war mit der nächsten Mietzahlung ausgeschöpft. Mir wurde zunehmend klar: Diese Form der Unterstützung funktionierte nicht! Immer stärker sehnte ich das Ende dieser Vereinbarung herbei. Ich brauchte eine andere Lösung, wollte eigene Wege gehen und mit meinen eigenen Vorstellungen arbeiten. Denn in der Zwischenzeit hatte ich mich auch mit den Zusammenhängen beschäftigt, die mich in diese Lage gebracht hatten.

Vielleicht fragst Du Dich, warum ich diese Vereinbarung nicht früher beendet habe.

Das hatte viel mit Loyalität zu tun: damals habe ich an getroffenen Vereinbarungen oft viel zu lange festgehalten. Dieses Verhalten hat sich in den letzten Jahren geändert, auch wenn ich immer noch Wert darauf lege, einmal getroffene Vereinbarungen einzuhalten. Inzwischen erkenne ich früher, wenn etwas in die falsche Richtung geht, und handle entsprechend.

Was letztlich geholfen hat

Mit der Entscheidung, meinen eigenen Weg zu gehen, entstanden nach und nach neue Möglichkeiten, durch die ich das „Drama“ verlassen und meine Situation komplett umdrehen konnte. Innerhalb von sechs Monaten gelang es mir, den Dispokredit vollständig abzubauen, meine monatlichen Lebenshaltungskosten zu decken und zudem noch eine stattliche Steuerzahlung zu leisten. Dies war nur möglich, weil ich durch drei entscheidende Schritte in dieser Zeit etwa 50.000 DM eingenommen habe. Diese Schritte stelle ich Dir hier vor – zu jedem davon findest am Ende zwei Reflexionsfragen, die Dich weiterbringen.

Schritt 1: Änderung des Blickwinkels

In den drei Monaten der Unterstützung durch die Kollegen wurde mir irgendwann bewusst, dass mein Blickwinkel ausschließlich auf das fehlende Geld und den Mangel ausgerichtet war. Meine Gedanken drehten sich nur noch darum, was fehlte, was nicht gelang und welche schrecklichen Folgen dies hatte. Ich verlor immer mehr die Freude an meinem Tun und erzielte dadurch natürlich sehr wenig Resonanz im Außen.

Mit dem Ende der Zusammenarbeit begann für mich ein neuer Prozess. Es spielte keine Rolle, wo ich mich gerade befand. Wichtig war nur, dass ich wieder in Bewegung kam. So richtete ich mich gedanklich immer wieder auf das aus, was ich als möglich erkannte: mit meinen Fähigkeiten und Erfahrungen anderen zu dienen und auf diese Weise Geld zu ver – dienen. Dazu war ich bereit, jede Anfrage zu beantworten und jeden Auftrag anzunehmen – unter einer Voraussetzung: er brachte Geld ein. In diesen Monaten kamen viele überraschende Angebote auf mich zu und auch meine eigenen Ideen fanden wieder Resonanz. Von allem, was ich in dieser Zeit gemacht und erlebt habe, konnte ich – inhaltlich wie auch persönlich – sehr profitieren.

Besonders gut erinnere ich mich noch an eine Situation.
Ich war in einen Kreis von Trainern eingeladen worden, um für einen Konzern Seminare durchzuführen. Gemeinsam entwickelten wir ein 3-tägiges Selbstmanagement-Training. Als es um die Frage ging, wer bereit sei, den Trainer-Leitfaden und die Teilnehmerunterlagen überarbeiten, war erst einmal Schweigen im Walde. Als der Auftraggeber hinzufügte, dass es dafür ein Honorar gäbe, ging mein Arm automatisch in die Höhe – ehe ich weiter darüber nachdenken konnte. Es war eine herausfordernde Aufgabe, die zudem in der Weihnachtszeit zu erledigen war. Doch auch dabei habe ich viel gelernt.

Impulsfragen für Dich:

  • Wo stehst Du Dir mit Deiner Denkweise im Wege?
  • In welchen Bereichen könnte eine Änderung des Blickwinkels hilfreich sein?

Eng mit diesem Punkt verbunden war auch der nächste:

Schritt 2: Wissen, wohin ich mich bewegen will

Parallel zu der wichtigen Entscheidung, alle Aufträge anzunehmen, die Geld einbringen, habe ich mich mit diesen grundlegenden Fragen beschäftigt:

  • Wohin will ich wirklich gehen?
  • Was bereitet mir Freude UND dient anderen?
  • Wie kann ich mein Wissen und meine Erfahrungen mit anderen teilen und dadurch in die Welt bringen? (Das war noch vor der weiten Verbreitung durch das Internet!)

Meine Antworten brachten mich immer wieder zurück auf mein zentrales Anliegen, das mich seit Beginn meiner Selbstständigkeit beschäftigt: Wie kann ich Menschen ermutigen, ihre Wünsche und Träume ernst zu nehmen und sie darin zu unterstützen, diese auch zu verwirklichen? Auch wenn ich, bezogen auf dieses Anliegen, in diesen Monaten einige Umwege gegangen bin, so haben doch alle Erfahrungen dazu beigetragen, immer tiefer in die damit verbundenen Fragen einzutauchen. Mein Verständnis für Zusammenhänge wie auch mein Mitgefühl für andere in ähnlicher Situation sind in dieser Zeit gewachsen und zu einer wichtigen Grundlage meiner Arbeit geworden.

Impulsfragen für Dich:

  • Was ist Dein zentrales Anliegen?
  • Wie kannst Du dieses Anliegen in die Welt bringen?

Wenn Du Dir dafür eine Begleitung wünschst, begleite ich Dich gerne im Einzelcoaching.

Schritt 3: Annehmen, was ist – und danach handeln!

Dies ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis aus dieser Phase: egal wo Du stehst, es gibt immer eine neue, andere Möglichkeit. Voraussetzung ist allerdings, die Situation, in der Du steckst, einfach anzunehmen statt Dich dagegen zu wehren.

Ich weiß, dies ist oft leichter gesagt als getan.

Doch solange Du mit Deinem Schicksal haderst, Dich gegen eine „brettelbreit“ vor Deiner Nase liegende Situation wehrst und sie nicht akzeptierst, kann keine andere Lösung kommen. Erst wenn wir bereit sind, die Verantwortung für alle Schritte und alle Fakten anzunehmen, ergeben sich neue Möglichkeiten. In diesem Moment entscheiden wir uns, die Opferrolle hinter uns zu lassen, und werden (wieder) zur Gestalterin des eigenen Lebens.

In schwierigen Situationen gehört einiges dazu, sich einen Ruck zu geben und sich zu sagen: Ich habe diesen Zustand herbeigeführt und daher kann ich ihn auch ändern. Ich will meine Position ändern und werde alles dafür tun, dass mir dies gelingt. Deine Entscheidung zeigt sich unmittelbar in einer veränderten Körperhaltung, in Deinem emotionalen Empfinden wie – Überraschung! – auch im Außen. Damals legten die anschließenden positiven Ergebnisse unmittelbar Zeugnis davon ab, was durch Akzeptanz, Bereitschaft und Entschiedenheit möglich wird.

Impulsfragen für Dich:

  • In welchem Bereich wehrst Du Dich noch gegen das, was offensichtlich ist?
  • Welche Situation bist Du (noch) nicht bereit anzunehmen?

Ich bin gespannt darauf, in welchen Situationen es Dir schon einmal gelungen ist, das Ruder herum zu reißen und neue Ergebnisse zu erzielen. Wie bist Du dabei vorgegangen und was hast Du dadurch gelernt?

 

Ulrike Bergmann Zur Person: Ulrike Bergmann
DIE MUTMACHERIN begleitet seit über 20 Jahren lebenserfahrene Menschen, ihre persönliche Vision von einem erfüllten Leben zu verwirklichen. Im MUTMACHER-MAGAZIN gibt sie Einblicke in ihre Schatzkiste und bestärkt darin, den eigenen Weg mit Leichtigkeit und Klarheit zu gehen.

3 Gedanken zu „Von der Fast-Insolvenz zum positiven Kontostand

  1. Silke Bicker - Erdhaftig Umwelt-PR

    Hallo Ulrike,

    gut, was Du beschreibst und gut, dass Du aus dieser Situation heil herausgekommen bist!
    Ja, Höhen und Tiefen erleben wir alle in der Selbstständigkeit, denke ich. Und gerade das Thema Geld birgt vieles in sich. Es ist einerseits ein Tauschmittel, andererseits stecken viele negative Glaubenssätze in ihm bei manchen Menschen. Sich darüber klar zu werden, ist wichtig.

    Ich habe manchmal mit selbstständigen Frauen zu tun, die ihre Dienstleistung nur gegen das Tauschgeschäft “Leistung gegen Leistung” hergeben möchten und Probleme damit haben, dass ich meine Leistung nur gegen Euros tausche. Da geht es vornehmlich erstmal um das Grundlegende:
    Was sind diese Personen sich wert?
    Was ist ihre Leistung und ihr Wissen wert?
    Gehen sie wertschätzend damit um?
    Wie wollen sie angesehen werden?
    Wollen sie tatsächlich und überhaupt Öffentlichkeitsarbeit für ihre Dienstleistung betreiben – denn das bedeutet im positiven Fall mehr Kunden – ?

    Mir hilft es immer mir darüber klar zu sein, wer ich bin und was ich für wen anbiete. Dahin zu kommen, war nicht immer einfach. Der Prozess dahin lohnte sich.

  2. Ulrike Bergmann Artikelautor

    Vielen Dank, liebe Silke, für Deine Ergänzung.
    Das Thema Geld ist sehr komplex und Deine Punkte sprechen einige dieser Facetten an, die uns meist zunächst nicht bewusst sind. Besinders der von Dir genannte Punkte “wer bin ich und was biete ich an?”. In meiner Coachinggruppe an der IHK München ist ein Tag diesem Thema gewidmet – bei der Fülle von Aspekten ist dies nur ein Kratzen an der Oberfläche. Doch vielen Teilnehmenden werden damit zum ersten Mal einige Zusammenhänge bewusst. Damit startet dann der von Dir abgesprochene, nicht immer einfache Prozess.

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